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Berliner Erzieher erklären Senat den Bankrott

Nach den Lehrern erklären nun auch Berliner Erzieherinnen dem Senat den Bankrott. In einem Brandbrief schreiben sie, dass sie nicht mehr in der Lage seien, die Qualitätsstandards zu erfüllen. Sie wollen Geld – und viel mehr Personal.

Die Kindertagesstätten in Berlin schlagen Alarm: In einem Brandbrief schicken Kita-Leiterinnen aus allen zwölf Bezirken einen Hilferuf an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Mit der aktuellen Personalausstattung sei der Bildungsauftrag in den Kitas nicht umzusetzen, könnten die Qualitätsstandards nicht mehr erfüllt werden, heißt es in den zwölf Briefen übereinstimmend. „Dass eine Erzieherin fünfzehn Kindern, deren Sprache sie nicht spricht, schulfähiges Deutsch vermitteln kann, bleibt eine Illusion“, schreiben beispielsweise die Leiterinnen der Kitas aus dem Bezirk Mitte.
Als Konsequenz haben die Kita-Eigenbetriebe aller Bezirke und die Dachverbände der freien Träger der Kindergärten eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die derzeit laufenden Verhandlungen mit der Bildungsverwaltung über die Qualitätsvereinbarungen aussetzen.
„Eine Debatte über bessere Qualität kann unter diesen Bedingungen nicht ernsthaft geführt werden“, sagt Marcus Luttmer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Die Kindergärten seien nicht mehr in der Lage, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Das Kita-Bündnis fordert 1500 zusätzliche Erzieher. Das würde jährlich 60 Millionen Euro zusätzlich kosten.
Bildungssenator Jürgen Zöllner versprach, sich in den Haushaltsberatungen „für eine Stärkung der Berliner Kitas mit allem Nachdruck“ einzusetzen. Doch der sich bereits abzeichnende dramatische Erziehermangel, wird durch den Konkurrenzkampf der Bundesländer noch verschärft. Ähnlich wie bei den Lehrern werben andere Länder Berliner Erzieher ab, denn auch dort werden Krippenplätze und Ganztagsschulen ausgebaut.
Schon bei der jüngsten Einstellungsrunde zum Januar konnten nach Angaben der GEW beispielsweise nicht genügend Bewerber für die offenen Stellen an den Schulhorten gefunden werden. Bis Jahresende würden allein dort 100 Erzieher altersbedingt ausscheiden.

Erzieherinnen dokumentieren Lernerfolg in der Freizeit
Die Stimmung war geladen, als sich etwa 600 Erzieher und Kita-Leiter im Rathaus Schöneberg trafen. Anette Baumann ist Leiterin des Ina-Kindergartens an der Grüntaler Straße in Wedding. „Wir brauchen mehr Zeit für Sprachförderung“, sagt sie. Die Erzieherinnen würden ihren Auftrag sehr ernst nehmen. Alle hätten Fortbildungen besucht, um Migrantenkinder besser auf die Schule vorzubereiten. Doch die Sprachlerntagebücher in der Arbeitszeit zu führen, sei praktisch unmöglich. Für 22 Kinder gebe es hier zweieinhalb Erzieherstellen. Die im Bildungsprogramm vorgesehene Dokumentation der Entwicklung der Kinder würden die Erzieherinnen in ihrer Freizeit zu Hause erledigen. „Die Krankenstände steigen, das Personal steht kurz davor, auszubrennen“, schreibt sie in dem Hilferuf an Zöllner, der von etwa 80 Kita-Leiterinnen des Bezirks unterschrieben wurde.
Schon seit einem Jahr kämpft das Kita-Bündnis für zusätzliche Erzieher. Der Senat äußerte zwar Verständnis, lehnte die Forderung allerdings bisher mit dem Verweis auf die Haushaltslage ab.
„Wenn es möglich ist, für die Lehrer kurzerhand 30 Millionen zusätzlich auszugeben, muss auch endlich eine Verbesserung für die Kitas möglich sein“, sagt Marcus Luttmer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Auch der Landeselternausschuss Kita wartet auf verbindliche Zusagen. Das Volksbegehren für kleinere Gruppen in den Kitas, das bereits von 60.000 Berlinern unterschrieben wurde, wurde vom Senat im August vergangenen Jahres für unzulässig erklärt.

Koalition versprach 71 Millionen Euro
Begründung: Die Kosten würden einen unzulässigen Eingriff in das Budgetrecht des Parlaments darstellen. Daraufhin hatte die Initiative für das Volksbegehren am 25. September Einspruch beim Berliner Verfassungsgerichtshof eingereicht. Im Dezember verkündeten Linkspartei und SPD überraschend, man wolle 71 Millionen Euro zusätzlich in die Kitas stecken, unter dem Vorbehalt der Haushaltsberatungen. Seitdem ist davon keine Rede mehr. Die Vorschläge wurden nicht konkretisiert.
Stattdessen schiebt der Senat die Stellungnahme für die Ablehnung des Volksentscheides vor dem Gerichtshof immer wieder hinaus. „Bereits zwei Mal wurde ein Verlängerungsantrag von der Innenverwaltung für die Abgabefrist erwirkt“, sagt Burkhard Entrup, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Zuletzt bis Ende Februar. Fast drei Monate braucht die Verwaltung nunmehr dafür. „Wir werfen der Innenverwaltung vor, die Gerichtsentscheidung bewusst zu verzögern“, sagt Entrup. Das sei ein skandalöses Vorgehen, denn alle Fakten seien bereits seit dem Start des Volksbegehrens im Februar 2008 auf dem Tisch.
Das Kita-Bündnis will jetzt den Druck erhöhen. Die laufenden Verhandlungen mit dem Senat über Qualitätsverbesserungen in den Kitas werden so lange ausgesetzt, bis es eine verbindliche Reaktion auf die Personalforderungen aus der Politik und Verwaltung gibt.
Auf diese Erklärung hatten sich die Teilnehmer der gestrigen Veranstaltung des Kita-Bündnisses im Rathaus Schöneberg geeinigt. Das Bündnis tritt für 1500 zusätzliche Erzieherstellen ein. Verschärft wird das Problem durch einen Erziehermangel, der sich schon jetzt an vielen Schulhorten zeigt. „Es wird immer schwieriger, offene Stellen zu besetzen“, sagt Luttmer vom Wohlfahrtsverband. Es seien kaum ausgebildete Bewerber auf dem Markt. Andere Bundesländer würden mit besserer Bezahlung locken. Mario Dobe, Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes, fordert dringend, die Ausbildungsplätze für Erzieher aufzustocken.

Morgenpost Online, 25.2.09