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Brandbriefe aus Kitas

Rund 300 Erzieherinnen schreiben an Bildungssenator Zöllner und fordern bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld

Kita-Leiterinnen und Erzieherinnen aus allen Bezirken haben in Briefen an Bildungssenator Jürgen Zöllner(SPD) bessere Arbeitsbedingungen, eine besser Bezahlung und mehr qualifiziertes Personal in den Kitas gefordert. Nur so sei die im Berliner Bildungsprogramm von 2004 festgelegte erzieherische Kita-Arbeit zu gewährleisten. "Die Erzieherinnen und Erzieher sind ohne Ihre Unterstützung nicht mehr in der Lage, sich Tag für Tag aufs Neue ihrer anspruchsvollen Aufgabe zu stellen", schreiben etwa mehrere Kita-Leiterinnen aus Mitte an Zöllner. "Wir bitte Sie dringend, sich dieser Problematik anzunehmen und zusätzliche Personalressourcen für die Bildung und Erziehung der Berliner Kinder bereit zu stellen." Die Krankenstände würden steigen. "Viele Erzieher sind kurz davor, auszubrennen." Zudem stehe die schlechte Bezahlung in keinem Verhältnis zu den Anforderungen.

Insgesamt haben über 300 Erzieherinnen und Erzieher diese Briefe unterschrieben. "Der Festlegung des Personalschlüssels liegt ein vollkommen anderes Erziehungsverständnis zu Grunde, als es der heutige Bildungs- und Erziehungsauftrag erfordert", heißt es in einem Brief des Ina-Kindergartens in Wedding. Rein rechnerisch soll ein Erzieher etwa 10 Kinder betreuen. "Durch die Erweiterung der Öffnungszeiten, aber auch durch Krankheitsfälle und natürlich auch durch den Urlaubsanspruch ist es aber faktisch meist so, dass ein Erzieher 15 Kinder zu betreuen hat", sagt Martin Hoyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Eine wissenschaftliche Studie im Auftrag des Kitabündnisses hatte zuvor ergeben, dass Erzieher wöchentlich neun Stunden Vor- und Nachbereitungszeit brauchen, um die beschriebenen Bildungsziele zu erreichen - so soll der kindliche Lernfortschritt dokumentiert werden, es soll mehr Zeit geben für Teambesprechungen oder die Projektorganisation. Derzeit stehen einem Kita-Erzieher aber für diese "mittelbare pädagogische Arbeit" nur zwei bis drei Stunden pro Woche zur Verfügung. Deshalb macht das Kitabündnis, in dem sich die Träger der Berliner Kindertagesstätten zusammengefunden haben, einen Mehrbedarf von gut 1 500 Erziehern geltend. Denn auch Leiterinnen einer Kita, an der mehr als 100 Kinder sind, sollten wieder frei gestellt werden. An dieser Stelle hat die SPD bereits Einlenken signalisiert, auch soll es womöglich zwei Stunden mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung geben. Der Senat steht unter Zugzwang: Denn der personelle Mehrbedarf für die Umsetzung des ambitionierten Berliner Bildungsprogrammes sollte eigentlich bis 2008 ermittelt worden sein. Die Bildungsverwaltung lässt den genauen Bedarf immer noch recherchieren.

"Ich werde mich in den Haushaltsberatungen mit allem Nachdruck für eine weitere Stärkung der Berliner Kitas einsetzten", teilte Zöllner nun in einem Schreiben an das Kitabündnis mit. Endgültige Entscheidungen würden aber erst bei den Verhandlungen für den Haushalt 2010/11 fallen. Zöllner erinnerte gestern daran, dass auch das ab 2010 das vorletzte und ab 2011 das drittletzte Kita-Jahre gebührenfrei werden sollen. In anderen Bundesländern könnten Eltern von Berliner Kita-Bedingungen nur träumen, so Zöllner.

Bereits jetzt stellt sich die Frage, ob Berlin überhaupt genügend qualifizierte Erzieher für die Kitas findet. Denn gerade die westdeutschen Bundesländer bauen ihr bescheidenes Kita-Angebot nun aus. Die bayrische Landeshauptstadt München schaltet bereits in pädagogischen Fachzeitschriften Job-Anzeigen und lädt ausgebildete Erzieher zu "Schnupperwochenenden" nach München ein.
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Bessere Betreuung

Brandbrief:
Der Terminus des Brandbriefes tauchte zunächst im Zusammenhang mit den desolaten Zuständen an der Neuköllner Rütli-Haupt- schule auf, zuletzt sorgten Schulleiter des Bezirkes Mitte mit einem "Brandbrief" für Ausehen. Darin beklagten sie die baulichen Zustände an ihren Schulen und die Herausforderungen durch Schüler aus Zuwandererfamilien. Das Berliner Kitabündnis schreibt nun auf seiner Home- page: "Brandbriefe sind das neueste Instrument der Öffentlichkeitsarbeit im Berliner Bildungsbereich."

Auszüge: Von einer "prekären Situation in unseren Kindertagesstätten", sprechen die Kita-Leiterinnen des Bezirkes Reinickendorf. "Wir stoßen an unsere Grenzen." Die pädagogische Vor- und Nachbereitung verlange viel mehr Zeit als Personal da ist. Das Sprachlerntagebuch, in dem die sprachliche Entwicklung des Kindes nachvollzogen werden soll, könne von Erziehern aus Zeitmangel kaum geführt werden, heißt es beim Kreuzberger Kita-Träger Nestwärme. Andere Kita-Erzieher klagen darüber, dass der Schulhort im August die Zuständigkeit für die neuen Schulkinder übernimmt. Dadurch seien zahlreiche Erzieher-Stellen nicht mehr finanziert.

Pflichten: Laut Berliner Bildungsprogramm, das seit 2004 gilt, sollen Kita-Kinder wesentlich besser pädagogisch betreut werden. Erzieher müssen Projekte vorbereiten, Elterngespräche führen, mit externen Stellen kooperieren, Teambesprechungen abhalten. Auch soll die sprachliche Entwicklung der Kinder im Sprachlerntagebuch begleitet werden, auch der gesamte Entwicklungsstand eines Kind wird vom Erzieher beobachtet und protokolliert. Die Kitas sollen auch selbst sowohl intern als auch extern evaluiert und damit überprüft werden.

Herausforderung: Bildungsforscher sind sich einig, dass die vorschulischen Bildung bedeutend ist für den weiteren Bildungserfolg der Kinder. Gerade Kinder aus Zuwandererfamilien können durch einen Kita-Besuch ihre deutsche Sprachkompetenz enorm steigern. In den vergangen zehn Jahren hat sich in Deutschland nach und nach die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Kita-Besuch nicht nur eine Art verwahrende Hort-Betreuung darstellen sollte. Berlin hat ein besonders dichtes Netz an Kindertagesstätten.

Martin Klesmann
Berliner Zeitung, 26.02.2009