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Ein Brandbrief tut's immer

MARTIN KLESMANN fragt sich, wieso ein althergebrachtes Wort solch eine Wirkung erzielt.

Viele tun es - die Lehrer der Rütli-Hauptschule, die Schulleiter aus dem Bezirk Mitte und jetzt auch die Kita-Erzieherinnen und Erzieher. Sie schreiben Brandbriefe. Wenn ein öffentlich Bediensteter in Berlin auf seine beruflichen Probleme, gar auf einen empfindlichen Mangel aufmerksam machen will, scheint nichts besser geeignet. Einen kritischen, grundpessimistischen Meinungsbeitrag muss man hierzulande Brandbrief nennen. Brandbrief, das klingt nach finsterem Mittelalter. Es hört sich an wie die letzte Warnung eines Landesbediensteten, bevor er für nichts mehr garantieren kann. Nicht einmal mehr für das Wohl der ihm anvertrauten Kinder. Dramatisch. Das lässt aufhorchen.

Ursprünglich war der Brandbrief ja eine Berechtigung zum Betteln - sagt zumindest der Duden. Landesfürsten verliehen ihn ab dem 15. Jahrhundert an Bürger, die durch Brand ihr Haus verloren hatten. Mit einem Brandbrief waren diese Mittellosen berechtigt, Geldgeschenke oder Sachspenden wie Bauholz anzunehmen. Auch die derzeit kursierenden Brandbriefe sind meist mit einer Geldforderung verbunden. Weil es so gut funktioniert, wird bald der nächste Brief unterwegs sein. Irgendwann werden sich selbst die Mitarbeiter der Berliner Feuerwehr per Brandbrief zu Wort melden.

Martin Klesmann
Berliner Zeitung, 27.2.09