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Familien für dumm verkauft

Berliner Kitabündnis: Anders als versprochen will SPD-Linke-Senat kein Geld für mehr Personal ausgeben

Frühkindliche Bildung war vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2006 ein Wahlkampfschlager der SPD. Seit 2007 müssen Eltern in der Hauptstadt keine Gebühren mehr für das letzte Kitajahr ihrer Kinder zahlen. In den beiden kommenden Jahren werden zwei weitere Jahre beitragsfrei. Dafür sind auch zusätzliche Mittel eingeplant. Ganz anders sieht es jedoch mit den von beiden Parteien vollmundig versprochenen Mitteln für mehr Personal aus. Am Freitag wies das Berliner Kitabündnis, ein Zusammenschluß von öffentlichen und freien Kitaträgern, Gewerkschaften und Eltern, anläßlich der diese Woche im Abgeordnetenhaus aufgenommenen Beratungen zum Doppelhaushalt 2010/2011 darauf hin, daß dafür kein Geld im Etat vorgesehen ist.

Das Bündnis fordert, daß jede Vollzeit-Erzieherin zusätzlich mindestens fünf Stunden pro Woche für die Vorund Nachbereitung ihrer Arbeit mit den Kindern bekommt. Und in Kitas mit mehr als 100 Kindern soll die Leiterin von der Betreuungsarbeit freigestellt werden. Praktisch läuft beides zusammen auf die Schaffung von rund 1500 neuen Erzieherinnenstellen hinaus. Seit 2003 wird eine Leiterin erst ab 162 Kindern in der Einrichtung für Verwaltung und Organisation freigestellt. Die Forderung nach fünf Wochenstunden mehr für die »mittelbare pädagogische Tätigkeit« entspräche einer Personalerweiterung um 13 Prozent und geht damit deutlich über das hinaus, was die Berliner Regierungsparteien – zumindest theoretisch – zu verwirklichen bereit sind. SPD und Linke haben auf Parteitagen im März und im Mai eine Personalerhöhung um fünf Prozent und die auch vom Bündnis geforderte Leiterinnenfreistellung beschlossen.

Margrit Barth, familienpolitische Sprecherin der Linkspartei im Abgeordnetenhaus, kann sich nicht erklären, warum für diese Maßnahmen laut Etatentwurf keine Mittel zur Verfügung stehen sollen. Gegenüber jW versichterte sie, ihre Fraktion werde in den gerade begonnenen Verhandlungen für die Umsetzung des »Stufenplans« zur Personalerhöhung kämpfen.

Die Arbeitsbelastung der Berliner Erzieherinnen hat sich insbesondere durch ein 2005 vom Senat verabschiedetes ambitioniertes Bildungsprogramm drastisch erhöht. Es schreibt umfangreiche Dokumentationen zu den Bildungsfortschritten der Jüngsten, ihre individuelle Förderung und den intensiven Austausch mit den Eltern vor. Zusätzliche Fachkräfte sind jedoch bis heute nicht eingestellt worden. Das Ergebnis: Die erwähnten Dokumentationsaufgaben werden überwiegend nach Feierabend erledigt, wie Steffi
Wismayer, Leiterin einer Berliner Kita, auf der Pressekonferenz des Bündnisses berichtete. Martina Castello, pädagogische Geschäftsführerin des Kita-Eigenbetriebs Berlin Süd-West, sagte: »Die Erzieherinnen sind alle in Vorleistung gegangen.« Jetzt sei es höchste Zeit, gegebene Zusagen hinsichtlich der Personalausstattung einzulösen.

Dies müßte das ureigenste Anliegen von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit sein, der auf einer SPD-Tagung im Mai erklärt hatte, in der Hauptstadt strebe seine Partei an, »daß eine Erzieherin bzw. ein Erzieher für höchstens vier Kinder unter drei und für maximal acht Kinder im Kitabereich zuständig ist«. Gegenwärtig ist laut offiziellem Personalschlüssel eine Erzieherin für zwölf Drei- bis Sechsjährige zuständig. Die reale »Fachkraft-Kind-Relation« liegt einer im Mai von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und zwei Wohlfahrtsverbänden veröffentlichten Studie zufolge bei eins zu 15. In der Untersuchung ist – anders als im Berliner Personalschlüssel – ein Anteil von 25 Prozent der Arbeitszeit für Urlaub, Krankheit, Fortbildung sowie Vor- und Nachbereitung berücksichtigt.

Das Kitabündnis wird seinen Forderungen mit mehreren Veranstaltungen Nachdruck verleihen, deren Abschluß am 22. September ein Sternmarsch zum Roten Rathaus bilden wird.

Jana Frielinghaus
junge welt, 5.9.09