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In Berlin fehlen mehr als 1.500 Erzieher

Berlins Kindergärten fehlen Hunderte Erzieher. Dabei hatte das Land Berlin vor drei Jahren die sogenannte Qualitätsvereinbarung der Kultusministerkonferenz unterzeichnet. Die Richtlinie bringt mehr bürokratische Arbeit für die Erzieher mit sich - die können sich weniger um die Kinder kümmern. Und das auszugleichen, müsste Berlin 80 Millionen Euro aufbringen.
An den Berliner Kindertagesstätten fehlen 1540 Erzieher. Das ist das Ergebnis einer Studie zum Arbeitszeitbedarf, die gemeinsam von den freien Trägern und den städtischen Kita-Eigenbetrieben erstellt worden ist. Um die bildungspolitischen Vorgaben umsetzen zu können, bräuchte ein Erzieher laut Studie neun Stunden pro Woche zum Dokumentieren von Lernfortschritten, Vorbereiten von Projekten, Teambesprechungen, Austausch mit Grundschulen und ähnlichen Aufgaben außerhalb der Gruppe. Das entspricht 23 Prozent der gesamten Arbeitszeit einer Erzieherin.

Derzeit sind im Personalschlüssel aber nur zwei bis drei Stunden für die sogenannte mittelbare pädagogische Arbeit vorgesehen. Die Träger fordern ausgehend von der Studie mindestens fünf Stunden pro Woche zusätzlich für die Erzieher und eine freigestellte Leitungskraft ab einer Einrichtungsgröße von 100 Kindern. Das Land müsste dafür 80 Millionen Euro jährlich mehr aufbringen.
„Die Qualitätsvereinbarungen haben nicht nur die Träger, sondern auch das Land unterschrieben“, sagt Michael Witte, Geschäftsführer des Kita-Eigenbetriebs Nord-Ost. Das Personal müsse schnellstmöglich zur Verfügung gestellt werden. In der Vereinbarung verpflichten sich die Kita-Träger zur Umsetzung des Bildungsprogramms. Diese neuen Qualitätsrichtlinien waren 2005 auf Drängen der Kultusministerkonferenz in Berlin eingeführt worden.
Innerhalb von drei Jahren sollte in den Kitas evaluiert werden, welcher Mehraufwand mit der Umsetzung für die Erzieher verbunden ist. „Die drei Jahre sind fast abgelaufen, die Zahlen liegen jetzt vor“, sagt Martin Hoyer, Kita-Referent im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Der Senat müsse jetzt reagieren und einen Stufenplan zur Verbesserung des Personalschlüssels vorlegen. Doch in der Senatsverwaltung für Bildung herrscht bisher Schweigen. Die Studie liege dort schon seit Ende August vor, bisher gebe es aber keine Reaktion, sagt Hoyer.
Auch die Initiative für das Kita-Volksbegehren hatte fünf Stunden Vor- und Nachbereitungszeit gefordert. Bisher hatte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) darauf verwiesen, dass der Mehrbedarf erst evaluiert werden müsse. Da die konkreten Zahlen jedoch immer noch von der Verwaltung ausstehen, sind die Träger selbst aktiv geworden.
Die Folge der fehlenden Erzieher sind zu große Gruppen und mangelnde Förderung. „Teilweise beaufsichtigt eine Erzieherin 20 Kinder“, sagt Martina Castello, pädagogische Leiterin des Eigenbetriebs Süd-West. Häufig würden die Erzieherinnen die Bildungsdokumentationen für die Kinder zu Hause in ihrer Freizeit erledigen. Und selbst dann könnten sie den Anforderungen des Bildungsprogramms nicht voll gerecht werden. Noch dringender als mehr Geld würden sich die Erzieher mehr Zeit wünschen.
Senator Zöllner müsse dafür sorgen, dass die Vorgaben des Bildungsprogramms von den Einrichtungen auch erfüllt werden können, fordert auch Elfi Jantzen, familienpolitische Sprecherin der Grünen angesichts der vorgelegten Zahlen. Die FDP-Fraktion meldete den Arbeitszeitbedarf für die pädagogische Arbeit in der Kita als Besprechungspunkt für den nächsten Jugendausschuss an. „Hier erwarten wir klare Aussagen von Bildungssenator Zöllner“, sagt Mirco Dragowski, jugendpolitischer Sprecher der FDP.
Die Fraktionen der Linkspartei und der SPD befinden sich bereits seit Wochen in einem Abstimmungsprozess über einen Stufenplan zur Verbesserung der Qualität in den Kitas. Ein konkretes Ergebnis steht jedoch noch aus. Unumstritten scheint bisher nur, dass die Kürzung des Leitungsanteils von 2002 wieder rückgängig gemacht werden soll. Allein für diese Maßnahme müssten 400 zusätzliche Erzieher eingestellt werden.

Florentine Anders
Berliner Morgenpost, 10.10.08