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Job-Offensive für Kinder

Kitabündnis demonstrierte vor dem Roten Rathaus und forderte 2000 zusätzliche Erzieherstellen

Die Kinder der Kita Seelbuschring hatten ihr Plakat selbst gestaltet, mit dem sie in Begleitung von Eltern und Erziehern der Mariendörfer Kindertagesstätte gestern Nachmittag vor das Rote Rathaus gezogen waren. Mit farbigen Handabdrücken und der Aufschrift „Kinder dürfen nicht vergessen werden“ marschierten sie beim Sternmarsch „Mehr Personal für Berliner Kitas“ von der Weltzeituhr am Alexanderplatz aus zum Sitz des Berliner Senats, wo sie mit weiteren Demonstranten, die vom Monbijou- und Bebelplatz sowie dem U-Bahnhof Märkisches Museum kamen, zusammentrafen.

Das Berliner Kitabündnis hatte zum Sternmarsch aufgerufen, um gegen die Sparpolitik des Senats zu protestieren. Rund 10 000 Demonstranten hatte die Initiative von Eltern, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden und Kindertagesstätten zu der Kundgebung bei der Polizei angekündigt. Im Haushaltsentwurf für die nächsten zwei Jahre sind bisher keine Mittel für zusätzliche Stellen an den städtischen Kitas eingeplant.

„Den Erziehern ist durch das Berliner Bildungsprogramm von 2004 mehr Arbeit entstanden“, sagte Martina Castello, Pädagogische Geschäftsleiterin des Kita Eigenbetriebes Berlin Süd-West und Mitorganisatorin der Demonstration. „Nun muss die Landesregierung auch zeigen, dass ihnen die hohe Qualität der frühkindlichen Förderung etwas wert ist.“ Gefordert werden fünf zusätzliche Arbeitsstunden pro Erzieher für die Vor- und Nachbereitungszeit und einen garantierten Teilzeitplatz für jedes Kind ab drei Jahren. Bisher steht jedem Kind in Berlin nur ein Halbtagsplatz zur Verfügung. Dafür müsse es etwa 1500 Vollzeitstellen zusätzlich geben, fordert das Kitabündnis. Auch der Personalschlüssel für die Leitungsstellen soll verbessert werden. Die Kitaleitung solle nicht erst ab 162 Kindern eine Vollzeitstelle für die Verwaltungsaufgaben erhalten. „Kein mittelständisches Unternehmen würde erst ab 162 Mitarbeitern eine Person fürs Management freistellen“, sagte Castello. Das entspräche etwa 400 weiteren Vollzeitsstellen. Laut derzeitigem Plan will der Senat aber nur die finanziellen Mittel aufstocken, nicht jedoch mehr Personal einstellen.

„Es kommen aufgrund der Elternzeit aber immer mehr und immer jüngere Kinder“, sagt Roland Kern vom Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). Seit 30 Jahren sei das Personal nicht aufgestockt worden, klagt das Kitabündnis. Das seien Verhältnisse wie in den späten siebziger Jahren, aber mit mehr Kindern und mehr Förderungsmaßnahme. Auf 110 000 Kita-Kinder kommen in Berlin derzeit 19 000 Erzieher.

„Wir kommen an unser Limit“, sagt auch die stellvertretende Leiterin der Kita Seelbuschring. Durch das zusätzliche Verfassen von Berichten und mehr Zeit für die individuelle Förderung werde es für die Integrationskita zunehmend schwieriger, die Qualität zu sichern. Dabei seien die Maßnahmen, die mit dem Berliner Bildungsprogramm 2004 eingeführt wurden, zu begrüßen, sind sich die Erzieher einig. Aber es fehlen Ressourcen. „Es war klar, dass nach spätestens drei Jahren die Mittel neu justiert werden müssen“, sagte Burkhard Entrup. Der Senat schlage mit dem Beschluss zur Gratis-Kita einen falschen Weg ein. „Auch die besserverdiendenden Eltern werden von den Gebühren in den letzten zwei Kita-Jahren befreit, aber für die Qualität der Kitas ist kein Geld da. Das ist doch irrwitzig.“

Zusammen mit Barbara John, der Vorsitzenden des Vereins des Paritätischen Berlin machte Burkhard Entrup vor den Demonstranten – die meisten davon Frauen und Kinder, die sich mit vielen bunten Luftballons am Roten Rathaus versammelt hatten – auf die Forderungen aufmerksam. Er erinnerte an das feste Versprechen des Senats im vergangenen Jahr, die Personallage zu verbessern. Es müsse nachgebessert werden, klagte Entrup, denn in Kinder stecke man nicht einfach sein Geld, sondern investiere in die Zukunft.

Susanne Thams
Tagesspiegel, 23.9.09