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Kita-Kinder lernen am Dienstag auf der Straße

Am Dienstag ist in vielen Kitas früher Schluss, weil Erzieher, Eltern und Kinder auf die Straße gehen. Vor dem Roten Rathaus wollen sie für mehr Personal in den Kindertagesstätten demonstrieren. "Mit der derzeitigen Ausstattung kann das vom Senat beschlossene Programm zur frühkindlichen Bildung nicht umgesetzt werden", sagte Burkhard Entrup vom Landeselternausschuss Kita. Viele der 1800 Berliner Kitas werden ab 14 Uhr schließen. Eine Notbetreuung sei aber in jedem Fall gewährleistet, sagte Martina Castello, pädagogische Geschäftsführerin des Kita-Eigenbetriebs Süd-West. Auf der Abschlusskundgebung, die ab 16.15 Uhr stattfinden soll, wird auch die langjährige Berliner Integrationsbeauftragte Barbara John sprechen. Die Polizei rechnet mit bis zu 10.000 Demonstranten.

Konkreter Anlass für den Protest sind die anstehenden Haushaltsberatungen des rot-roten Senats. Die Kita-Betreiber hoffen darauf, dass Mittel für zusätzliche Erzieher bewilligt werden. Tatsächlich sind den Kita-Erzieherinnen durch das vom Senat vor fünf Jahren beschlossene Bildungsprogramm viele zusätzliche Aufgaben zugewachsen: Elterngespräche, Beobachtung und schriftliche Dokumentation der Entwicklung eines jeden Kita-Kindes, pädagogische Angebote zur sprachlichen und motorischen Förderung und so einiges mehr. "Die Kinder leiden darunter, dass wir so angespannt sind", sagt Birgit Kasatis, Leiterin der Kita Sankt Petri in Mitte. "Wir stehen vor wachsenden Aufgaben, nur das Personal bleibt das Gleiche", sagt etwa die Erzieherin Sabine Delzer von der Kita in der Charlottenburger Kuno-Fischer-Straße. Das führe dann dazu, dass die Erzieherinnen oft größere Gruppen betreuen müssten. "Wir wollen zur Protestveranstaltung hingehen", sagt die Erzieherin. Aber es komme darauf an, wie viele Eltern ihre Kinder mit zum Protest nehmen.

Allerdings wird es auch etliche Kitas geben, die am Nachmittag normal geöffnet sind. Doch generell ist die Protestbereitschaft unter den sonst eher als vorsichtig geltenden Erzieherinnen groß. "Wir schließen die Kita um 15 Uhr und gehen gemeinsam mit den Kindern und den Eltern zum Sternmarsch", sagte etwa Gudrun Plettner, Leiterin der Kita Pelikan in Mitte. "Die Eltern machen alle mit, ich habe bis jetzt nichts Gegenteiliges gehört." An anderen Kitas sind die Eltern nicht bereit oder aus beruflichen Gründen nicht in der Lage, am Protestzug teilzunehmen.

Viele Kita-Erzieher kritisieren, dass der Senat bis 2011 erst einmal alle drei letzten Kita-Jahre kostenlos machen will. "Es ist zunächst wichtiger, für uns die personellen Grundlagen zu schaffen", sagt Erzieherin Heidi Hempel von der Evangelischen Kita in Neukölln. Sie kann mit ihrem Kollegen heute nicht am Sternmarsch teilnehmen. Die Kita sei personell zu schwach besetzt, um einen Notdienst anbieten zu können.

Allein ein zusätzliches gebührenfreies Kita-Jahr kostet das Land Berlin 19 Millionen Euro, das letzte Kita-Jahr ist bereits gebührenfrei. Das Kitabündnis fordert stattdessen fünf Prozent mehr Personal und eine Freistellung der Leiterin für Organisatorisches ab einer Kita-Größe von 100 Kindern. Letzteres war erst vor wenigen Jahren abgeschafft worden. Diese beiden Maßnahmen würden jährlich 42 Millionen Euro kosten.

Die Familienpolitikerinnen von SPD und Linke, Sandra Scheeres und Margrit Barth, bekräftigten gestern noch einmal, dass sie sowohl die Gebührenfreiheit als auch die geforderten Qualitätsverbesserungen erreichen wollen. Man arbeite an einem gemeinsamen Antrag für die Haushaltsberatungen, so Sandra Scheeres. Unklar allerdings ist, ob eine deutliche finanzielle Mehrbelastung des Landeshaushalts von Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) und den Haushaltspolitikern mitgetragen würde. Die entscheidenden Verhandlungen laufen im Oktober und November, im Dezember soll der Doppelhaushalt 2010/11 beschlossen werden.
Martin Klesmann
Berliner Zeitung, 22.09.2009