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Kitas schreiben Brandbrief

"Wir sind am Ende unserer Kräfte"

Die Erzieherinnen gehen auf die Barrikaden. Das Bildungsprogramm für die Kitas sei eine tolle Sache, meint Nurgün Karhan, Kita-Leiterin in Kreuzberg. Mit so wenig Personal lasse sich das Konzept aber nicht umsetzen.

taz: Frau Karhan, 300 Erzieherinnen haben Brandbriefe an den Bildungssenator geschrieben. Schließen Sie sich dem Hilferuf an?
Kita-Brandbrief

Nurgün Karhan: Selbstverständlich. Wir können das Bildungsprogramm des Senats für die Kitas ohne zusätzliches Personal einfach nicht befriedigend umsetzen. Wir geben unser Bestes, aber wir sind am Ende unserer Kräfte. Ich als Kita-Leiterin muss ja der Motor sein. Jeden Tag stehe ich vor der Frage, wie sich die vielen zusätzlichen Aufgaben bewältigen lassen, wenn Kolleginnen wegen Krankheit, Urlaub und Überstunden ausfallen. Wir haben einfach keine Ressourcen mehr.
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Sie leiten eine Kindertagesstätte in Kreuzberg an der Oranienstraße. Was ist das für eine Einrichtung?

Die Kita untersteht dem Verein zur Förderung ausländischer und deutscher Kinder (VAK). In der Oranienstraße haben wir 90 Plätze. 90 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. Geöffnet ist von 7 bis 17 Uhr. Wir sind ein freier Träger. Unsere Konzeption ist zweisprachig, türkisch-deutsch. Die zehn Erzieherinnen arbeiten in den fünf Gruppen in Zweierteams zusammen. Immer eine deutschsprachige und türkischsprachige Kollegin. Die Gruppen mit jeweils 18 Kindern sind altersgemischt. Die Kleinsten sind ein Jahr alt, die Ältesten sechs.

Was für Aufgaben sind durch das Bildungsprogramm dazugekommen?

Für jedes einzelne Kind muss ein Sprachlerntagebuch geführt werden. Das heißt, die Erzieherinnen müssen sich mit jedem der 18 Kinder ihrer Gruppe einmal in der Woche zurückziehen und mit ihm arbeiten. Mit dem Kind werden sogenannte Bildungsinterviews gemacht. Die Erzieherin kümmert sich in dieser Zeit wirklich nur um dieses eine Kind. Auch mit den Eltern müssen mindestens zweimal im Jahr Interviews, sogenannte Entwicklungsgespräche, geführt werden. Das kostet viel Zeit.

Was bedeutet das für den Ablauf des regulären Kitabetriebs?

Das Ganze wirkt sich so aus, dass die restlichen 17 Kinder in dieser Zeit entweder von einer Erzieherin allein betreut werden oder man sich Unterstützung aus der Nachbargruppe holt. Wir bekommen ja keine Gelder für Vertretungskräfte.

Das heißt, die Erzieherinnen schaffen das Pensum eher schlecht als recht?

Damit keine Missverständnisse entstehen: Das Bildungsprogramm ist eine tolle Sache. Wir stehen voll dahinter. Aber unter den derzeitigen Personalbedingungen kann man das einfach nicht anständig hinbekommen.

Wie hoch ist der Krankenstand?

Er hält sich in Grenzen. Jede Erzieherin weiß, dass die andere Kollegin ihre Arbeit mitmachen muss, wenn sie ausfällt. Die Folge ist, dass die Kollegin danach oftmals so ausgelaugt ist, dass sie krank wird, wenn die andere Kollegin zurückkommt. Manche schleppen sich sogar krank zur Arbeit. Die Gruppe muss ja laufen.

Springen Sie auch manchmal ein?

Nicht nur ich. Es kommt sogar vor, dass die Küchenhilfe bei Kindern, die gefüttert werden müssen, mithilft. Wir haben ja auch noch viele Wickelkinder. Eine Erzieherin auf 18 Kinder, das geht überhaupt nicht. Von der Politik kommt dazu gar nichts. Es wird von uns nur gefordert, gefordert, gefordert.

Wie viel Personal bräuchten Sie mehr?

Drei Erzieherinnen könnten ruhig noch dazukommen. Aber ich fürchte, das ist eine utopische Forderung.

Was wäre realistisch?

Der Landeselternausschuss hat es so formuliert: Für die Vor- und Nachbereitung des Bildungsprogramms müssen pro Erzieherin fünf Stunden anerkannt und entsprechend in Stellen umgewandelt werden.

Die Brandbriefe sind raus. Was passiert nun?

Der Senat muss etwas verändern. So geht es nicht mehr weiter.

Plutonia Plarre
taz, 27.2.09


300 ErzieherInnen und KitaleiterInnen aus ganz Berlin haben in Briefen an Bildungssenator Jürgen Zölllner (SPD) ihre Arbeitssituation angeprangert. Durch die wachsenden Ansprüche an Kitas als frühe Bildungseinrichtungen sei der Alltag kaum noch zu bewältigen, klagen die UnterzeichnerInnen. Zudem werde seit Jahren am Personal gespart. Das 2004 in Kraft getretene Bildungsprogramm für Kindertagesstätten stellt hohe Anforderungen an die pädagogischen Fähigkeiten von Erziehe- rInnen. Seit 2006 müssen sie überdies Fördermaßnahmen und Entwicklungsfortschritte für jedes einzelne Kind schriftlich dokumentieren. Das lasse sich ohne Aufstockung der personellen Ressourcen nicht bewältigen, schreiben etwa die ErzieherInnen aus Charlottenburg-Wilmersdorf in ihrem Brief. Eine Untersuchung im Auftrag des Berliner Kitabündnisses kommt zu dem Ergebnis, dass ErzieherInnen circa ein Viertel ihrer Arbeitszeit für solche "mittelbaren pädagogischen Aufgaben" benötigen. Auch das Bündnis fordert deshalb eine bessere Personalausstattung. 2008 betreuten in den 1.800 Berliner Kitas rund 13.500 ErzieherInnen 107.000 Kinder. TAZ, DDP