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Knirpse proben den Aufstand

Mittwoch berlinweiter Kita-Aktionstag / Dachverband fordert mehr Personal und Schulung

Am Mittwoch wird die Stadt orange. Doch weder sind die Niederlande wieder in die Europameisterschaft eingestiegen, noch streikt die BSR. Beim stadtweiten Kita-Aktionstag wollen Berlins Jüngste mit ihren Eltern und Erzieherinnen darauf aufmerksam machen, dass sie mehr qualifizierte Bildung brauchen. Rund 340 Kitas werden sich nach Angaben des Dachverbandes Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS) an den Aktionen beteiligen. Roland Kern vom DaKS rechnet mit der Beteiligung von mehr als 10 000 Kindern mit ihren Eltern und Erziehern. Sie wollen mit orangenen Ballons und Klebern sichtbar sein.
Hinter dem Slogan »Mehr Zeit für Bildung!« verbirgt sich letztlich die Forderung nach mehr Personal. Die »mittelbare pädagogische Arbeit« – beispielsweise Vor- und Nachbereitung und Elternberatungen – mache gut 25 Prozent des Alltags aus, erklärte Kern beim Pressegespräch am Montag. Pro Woche seien das mindestens fünf Stunden Arbeitszeit. Aber dafür fehlt oft das Personal. »Der Beratungsbedarf der Eltern wird ja auch nicht geringer«, ergänzte Ilse Ziess-Lawrence, die den INA.Kinderladen in Kreuzberg leitet. Wenn Teamsitzung in der Kita ist, müssen teilweise die Eltern einspringen und auf die Kinder aufpassen. In der Zeit wird kaum Bildungs- oder Erziehungsarbeit geleistet. »Mit dem Aktionstag wollen wir deshalb auch zeigen, das wir in der Kita nicht nur Sandkuchen backen«, sagte Ana Sofia Gomes vom Kinderhaus Waldemar. »Wir sind eine Bildungseinrichtung, keine Verwahranstalt.«
Den DaKS gibt es seit Februar 2008. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte eine Umfrage zur Arbeitssituation in Bildungseinrichtungen durchgeführt. Nach der Auswertung haben sich die Befragten weiter getroffen, und so sind im Dachverband nun freie und öffentliche Träger, Elternvertretungen, Gewerkschaften und Verbände versammelt. Sie richten drei zentrale Forderungen an den Senat. Erstens soll jede vollbeschäftigte Erzieherin pro Woche fünf Stunden extra für die Vor- und Nachbereitung erhalten, das Leitungspersonal der Kitas soll freigestellt werden, und drittens sollen alle Kinder – unabhängig von der Berufstätigkeit der Eltern – mindestens einen Teilzeitplatz erhalten. »Bei derzeit rund 12 000 Erzieherinnen in Berlin bedeutet das gut 1500 zusätzliche Stellen im Erziehungsbereich und 380 im Leitungsbereich«, sagte Klaus Schroeder, Referatsleiter Jugendhilfe und Sozialarbeit bei der GEW.
Insgesamt würde das knapp 100 Millionen Euro kosten, so Schroeder, der auch weiß, wo das Geld herkommen soll: Mit dem Ende April vom Bundestag verabschiedeten neuen Kinderförderungsgesetz, fließen ab 2009 knapp 90 Millionen Euro nach Berlin. Die seien zwar nicht für Personalkosten einsetzbar, so Schroeder, aber mit einer Umschichtung der Mittel könnte man das nötige Geld für neue Stellen bekommen.
Evi Schauer, Leiterin der Melanchthon-Kita in Spandau, will mit ihren Schützlingen am Mittwoch zum Haus des RBB ziehen. Sie wollen in die »Abendschau« und dort auch noch einmal die Werbetrommel für das Kita-Volksbegehren rühren. Der Landeselternausschuss Berliner Kindertagesstätten (LEAK) hat es initiiert und fordert ebenfalls mehr Zeit, qualifizierteres Personal und ein besseres Management. Über 20 000 Unterschriften sind bereits gesammelt. Um sicherzugehen, dass auch die notwendigen 20 000 gültigen dabei sind, läuft bis zum 27. Juni der Endspurt. Beim Aktionstag kann noch unterschrieben werden.
Der Kinderladen von Ilse Ziess-Lawrence protestiert zusammen mit den anderen Kitas im Kiez. Morgens um zehn Uhr wollen sie sich am Oranienplatz treffen, um über die Oranienstraße zu demonstrieren. Danach gibt es ein Eis.

Jörg Meyer
Neues Deutschland, 24.6.2008