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Mal mehr, mal weniger

Wegen eines neuen Finanzierungssystems können Kitas ihre Arbeit kaum noch langfristig planen

Konstantin freut sich schon auf seine Geburtstagsfeier im Kindergarten. Wenn er nach den Sommerferien drei Jahre alt wird, singen die anderen für ihn Lieder, der Tag beginnt mit einer gemeinsamen Frühstückstafel, der er als Geburtstagskind vorsitzt. Die Erzieherinnen der katholischen Kita St. Johannes Evangelist in Steglitz feiern natürlich alle mit - doch deren Freude wird ein wenig getrübt sein. Denn Konstantins Geburtstag bedeutet für sie, dass sie ihren Dienstplan ändern und künftig mit weniger Kolleginnen auskommen müssen - obwohl kein Kind weniger in der Kita ist.

Zwei Stunden pro Geburtstag
Der Grund dafür ist das neue Kita-Finanzierungssystem. Früher wurde die Zahl der angebotenen Kita-Plätze am Ende des Jahres mit den Trägern abgerechnet - mit einem kleinen finanziellen Puffer. Jetzt müssen alle Träger monatlich exakt Rechnung ablegen: Geld gibt es nur noch für Kinder, die tatsächlich betreut werden. Dabei ist auch entscheidend, wie alt die Kinder sind. Unter anderem vom Alter hängt ab, wie viele Erzieherstunden eine Kita vom Land bezahlt bekommt. Im neuen System schlagen Kindergeburtstage daher schneller und heftiger durch als früher, sagt Roland Kern, Sprecher des Dachverbandes der Kinder- und Schülerläden (Daks). Allein durch Konstantins Geburtstag verliert seine Gruppe zwei Stunden Betreuungszeit pro Woche.
Das neue System mit den Kita-Gutscheinen wurde schon zum 1. Januar 2006 eingeführt, aber das war im laufenden Kita-Jahr. Jetzt liegt das erste komplette Jahr hinter den Trägern. Das Urteil ist eindeutig: "Das neue System bereitet uns sehr, sehr große Schwierigkeiten", sagt Marie Wätke, Leiterin der Kita-Abteilung des Humanistischen Verbandes, zuständig für 22 Kindertagesstätten mit rund 2 200 Plätzen. Durch die monatliche Abrechnung schwanke ständig die Zahl der zur Verfügung stehenden Erzieherinnen. Nicht nur Geburtstage, sondern auch von Eltern geänderte Betreuungszeiten haben Einfluss auf die Personalstärke. "Wir haben rund 30 Änderungen pro Monat, die sich jetzt sofort auswirken", sagt Wätke. Das bedeute nicht nur mehr Verwaltungsaufwand für die Kita-Leitungen, sondern vor allem eine Gefahr für die kontinuierliche pädagogische Arbeit mit den Kindern.
Die Träger reagieren mit Teilzeitverträgen, die nach Bedarf aufgestockt und wieder gesenkt werden. Die kleine katholische Kita in Steglitz mit zwei Gruppen beschäftigt neben dem Stammpersonal zwei Erzieherinnen, die jeweils über einen Sieben-Stunden-Vertrag verfügen. Die können teils bis zu 20 Stunden pro Woche aufgestockt werden. Zu Beginn des Kita-Jahres, wenn viele junge Kinder aufgenommen wurden, arbeiten die Erzieherinnen mehr. Ihre Arbeitszeit wird dann übers Jahr abgesenkt, auch wenn kein Kind die Kita verlässt. Der Humanistische Verband oder die Internationale Akademie für innovative Pädagogik (INA) mit ihren 18 Kitas arbeiten mit ähnlichen Verträgen. Daks-Sprecher Kern warnt vor zu großen Arbeitszeit-Veränderungen, weil eine länger angelegte pädagogische Arbeit nicht möglich sei. Doch die Träger haben kaum eine andere Chance, weil sie nicht über genügend finanzielle Rücklagen verfügen, um Schwankungen auszugleichen.
Die Nachteile des neuen Finanzierungssystems sind jetzt im Sommer besonders hart zu spüren. Die Betreuungsverträge für die künftigen Schulkinder enden am 31. Juli. Zum Beginn des nächsten Kita-Jahres am 1. August sind aber die wenigsten Kita-Kinder schon angemeldet, weil das Kita-Gutschein-System den Eltern größere Anmelde-Freiheiten erlaubt. Die meisten Kinder werden erst September und Oktober kommen, sagt INA-Geschäftsführerin Gerda Wunschel. "Uns fehlen in der Finanzierung etwa anderthalb Monate." Für die Zeit könne man die Erzieherinnen nicht einfach entlassen. Die Träger müssen mögliche Rücklagen aufbrauchen. Wie nächstes Jahr dann das Sommerloch finanziert wird, ist unklar.
Die Träger fordern, dass wieder ein finanzieller Puffer fürs Sommerloch eingeführt wird. Das lehnen sowohl die Finanz- als auch die Bildungsverwaltung ab. Solche Schwankungen habe es früher auch schon gegeben, die müssten die Träger in ihrer Jahresplanung berücksichtigen, sagte Kenneth Frisse, Sprecher der Senatsbildungsverwaltung. "Es ist pädagogisch vertretbar, wenn eine Erzieherin mal eine Stunde mehr und dann wieder weniger da ist."
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Zeitarbeiter für die Kindererziehung
In den Kindertagesstätten in Berlin werden rund 110 000 Kinder betreut. Zwei Drittel der Kita-Plätze werden in Einrichtungen freier Träger, ein Drittel in kommunalen Kitas angeboten. Die Bezirke haben für ihre Kitas fünf Eigenbetriebe gegründet.
Die Finanzierung eines Kita-Platzes ist für alle gleich. Das Land steuert in diesem Jahr 79,5 Prozent der Kosten bei. Der Anteil erhöht sich nächstes Jahr auf 80 Prozent. Rund 13 Prozent sind Elternbeiträge, den Rest müssen die Träger selbst aufbringen.
Im Kita-Kostenblatt ist festgelegt, was in Berlin ein Kita-Platz kostet. Es berücksichtigt sowohl Personal- wie auch die Sachkosten. Das Blatt wird regelmäßig zwischen Senat und den Trägern ausgehandelt.
Das Maß für die Finanzierung ist vor allem die Zahl, das Alter der Kinder und wie lange sie betreut werden. Je älter die Kinder sind, desto weniger Erzieherstunden gibt es. Beispiel Ganztagesplatz:Bei unter Zweijährigen kommen sechs, bei Zweijährigen sieben und bei den Dreijährigen zehn Kinder auf eine Erzieherin.
Der Personalschlüssel wird außerdem verbessert, wenn zum Beispiel besonders viele nichtdeutsche oder Integrations-Kinder in einer Einrichtung sind.
An den Grundlagen der Finanzierung hat sich in den vergangenen Jahren nur wenig geändert. Neu ist allerdings der Abrechnungsmodus seit der Einführung der Kita-Gutscheine zum 1. Januar 2006.
Die freien Träger hatten bis zu diesem Wechsel jährlich mit dem Senat ihre Kita-Kosten abgerechnet.
Im Oktober jeden Jahres wurde der Senat von den freien Trägern informiert, wie viele Plätze sie im nächsten Jahr vorhalten. Der Zuschuss wurde vereinbart und ein Jahr später die tatsächlich belegten Plätze abgerechnet. Dabei wurde eine Schwankungsbreite von fünf Prozent akzeptiert.
Seit 1. Januar 2006 wird nun monatlich abgerechnet, eine Schwankungsbreite nicht mehr finanziert. Das heißt, die Träger müssen monatlich ihre Personaldecke den betreuten Kindern anpassen, sonst zahlen sie drauf.
Die Personalschwankungen sind jetzt im Sommer besonders prekär, weil die Träger, private wie kommunale, kaum Rücklagen haben, um ihre Erzieher zu finanzieren, obwohl keine Kinder da sind. Der kommunale Kita-Betrieb Nordost (Lichtenberg, Pankow, Marzahn-Hellersdorf) hat deswegen zum Quartalsstichtag 1. Juli 16 Erzieherinnen in den Stellenpool des Landes versetzt. Da es aber noch eine Betreuungslücke für Juli gab, wurden zehn Erzieherinnen von einer Zeitarbeitsfirma angeheuert. Ein Modell, das es künftig öfters geben wird.
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KOMMENTAR
Kitas brauchen finanziellen Spielraum
Elternfreundlich ist das neue System der Kita-Gutscheine in Berlin. Unabhängig von früheren Anmeldefristen können sich Väter und Mütter eine Einrichtung suchen. Und was besonders wichtig ist: Bezahlt werden muss nur noch exakt der Beitrag, der durch die monatliche Anwesenheit des Kindes in der Einrichtung fällig wird.
Allerdings führt diese Art der Finanzierung zu Problemen in den Kitas, vor allem bei den kleineren Einrichtungen und Trägern, die wenig Etat-Spielräume haben. In jedem Monat - und nicht wie früher nur einmal im Jahr - müssen sie Zahl und Arbeitsstunden ihrer Erzieherinnen mit dem Land abrechnen. Maßgeblich für den Landeszuschuss sind die Altersstruktur der Kinder und die von den Eltern gebuchten Betreuungszeiten. Das führt unter den Erzieherinnen zu einer Zwei-Klassen-Belegschaft: Auf der einen Seite das Stammpersonal mit festen Arbeitszeiten, und auf der anderen die Teilzeitkräfte, die je nach Zusammensetzung der Kindergruppen geholt oder nach Hause geschickt werden. Langfristige Projekte kann diese Erzieher-Eingreiftruppe nicht übernehmen, weil man nicht sicher sein kann, ob sich im nächsten Monat die Arbeitszeit nicht wieder ändert. Das aber ärgert wieder die Eltern. Denn die Teilzeit-Erzieherinnen sind nicht selten jüngere Pädagoginnen, die neue Ideen und Motivation in die Kitas tragen könnten.
Bei den anstehenden Haushaltsberatungen sollte man ernsthaft darüber nachdenken, den Kita-Trägern größere finanzielle Spielräume zu gewähren.

Tobias Miller
Berliner Zeitung, 23.7.2007