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Tausende Erzieher ziehen vor das Rote Rathaus

Tausende Erzieher ziehen vor das Rote Rathaus

Rund 12.000 Pädagogen, Eltern und Kinder wollten mit ihrem Protestzug auf die Situation in den Berliner Kindertagestätten aufmerksam machen. Das Kita-Bündnis fordert unter anderem mehr Zeit und Qualifizierung für Erzieher sowie den Anspruch von Kindern auf einen Betreuungsplatz.

Im dichten Gedränge steht Sylvia Ehrenberg am Dienstagnachmittag in der U-Bahn-Linie 2. Eltern, Erzieher und Kinderwagen verstopfen die Waggons. Viel mehr Teilnehmer als erwartet haben sich zum Sternmarsch für mehr Personal in den Kitas versammelt. Nur durch die orangefarbenen T-Shirts gelingt es der 41-Jährigen ihre Kolleginnen in der Menge am Märkischen Museum wiederzufinden. Von hier geht es zügig zum Roten Rathaus, wo sich insgesamt 12.000 Menschen versammelt haben.

Sylvia Ehrenberg arbeitet erst seit drei Jahren als Erzieherin. Die gelernte Grundschullehrerin war vorher in der Medienbranche tätig. „Der Beruf reizte mich vor allem weil sich so vieles verändert hat in der frühkindlichen Erziehung“, sagt sie. Genau vor drei Jahren wurde in den Berliner Kindertagesstätten das Bildungsprogramm eingeführt, ein anspruchsvoller Lehrplan für Kinder bis zur Einschulung.

Drei Jahre später kämpft Sylvia Ehrenberg gemeinsam mit dem Kitabündnis, das den Sternmarsch initiiert hat für Vor- und Nachbereitungszeiten zur Umsetzung des Bildungsprogrammes. Zeiten, die für eine Grundschullehrerin selbstverständlich sind, gibt es für Erzieherinnen nicht. Dabei sind die Kindertagesstätten längst mehr als Betreuungseinrichtungen.
Um 7.30 Uhr beginnt Sylvia Ehrenbergs Arbeitstag. Zusammen mit den Kindern bereitet sie das gemeinsame Frühstück vor. Auch das ist Bildungsauftrag. Die Kinder zählen die Teller ab, schneiden das Obst und decken den Tisch mit allen Dingen die sie am Anfang der Woche gemeinsam eingekauft haben. Dieses Einkaufen ist wichtig und gleichzeitig eine Zumutung für die Kollegen.

Eine Erzieherin für 15 Kinder
„Wenn eine Erzieherin mit sechs Kindern einkaufen geht, dann fehlt sie bei den anderen“, erklärt Sylvia Ehrenberg. In der Praxis bedeutet das, dass für 45 Kinder nur zwei statt drei Erzieherinnen vor Ort sind. Ist eine Kollegin im Urlaub oder krank muss der lehrreiche Ausflug ganz ausfallen.
Wenn es um die Gruppengrößen in Berliner Kitas geht, zitiert der zuständige Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gern die Bertelsmann-Studie von 2008. Demnach würde eine Erzieherin auf zehn Kinder kommen. Die gleiche Studie bemängelt aber, dass dieser Wert nicht der Realität entspricht. Urlaub, Fortbildungstage und die Vor- und Nachbereitungszeiten werden in dem Personalschlüssel nicht einbezogen. Tatsächlich sind die Gruppen deutlich größer. Erst recht, wenn die Erzieher ihre Aufgaben auch dem Bildungsprogramm ernst nehmen. Eine Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft geht von einem tatsächlichen Personalschlüssel von einer Erzieherin zu 15 Kindern aus.

Nach Feierabend arbeitet sie weiter
Nach dem Frühstück folgen in der Neuköllner „Pro Dia Kita“ Aktivitäten wie Forschen und Experimentieren oder Medienerziehung mit dem Computer. Die Experimente hat sich Sylvia Ehrenberg zu Hause überlegt und auch die Dokumentation nimmt sie meist mit nach Hause. Nach Feierabend hält sie die Fragen und Dialoge der Kinder fest, um daraus wieder neue Aktivitäten zu entwickeln. In der Kita bleibt dafür keine Zeit. Schließlich würde sie dann nicht für die Kinder da sein können. Und für die bleibe ohnehin oft zu wenig Zeit. „Wenn mir zwei Jungs einen Regenwurm zeigen, den sie gerade gefunden haben, würde ich am liebsten gleich die Lupe holen und ihren alle Fragen beantworten. Doch häufig laute die Antwort nur „keine Zeit“. Entweder muss gerade da vorbereitet werden, oder die Schlafmatratzen werden eingeräumt oder Zähne geputzt. Dabei seien gerade die Vorschulkinder so unendlich aufnahmefähig. „Ich muss so oft nein sagen und jedes Mal sehe ich die Enttäuschung in den Augen der Kinder“, sagt sie.
Sylvia Ehrenberg will mehr Zeit haben für die Kinder. Mindestens fünf Stunden zusätzliche Vor- und Nachbereitungszeit fordert das Kitabündnis für die neuen Aufgaben im Bildungsprogramm. Das wären 1500 volle Erzieherstellen zusätzlich. Außerdem sollen Leitungskräfte in Einrichtungen ab 100 Kindern von der Arbeit in der Kindergruppe freigestellt sein. Dafür wären noch einmal etwa 500 zusätzliche Stellen nötig. Fachpolitiker aller Parteien bestätigen den Bedarf, allein das nötige Geld dafür will niemand aufbringen. Immerhin hatten sich Linkspartei und SPD auf zwei Stunden Vor- und Nachbereitungszeit wöchentlich pro Erzieher geeinigt, als eine erste Stufe zu mehr Qualität. Doch die Kosten, 50 Millionen Euro, sind bisher nicht im Haushaltsentwurf für die kommenden zwei Jahre eingeplant. Der Sternmarsch soll Druck machen, denn jetzt finden letzte Verhandlungen zum Haushalt statt und och haben die Eltern und Erzieher die Hoffnung nicht aufgegeben, auch wenn der Bildungssenator Jürgen Zöllner selbst nicht mehr an die Personalverbesserungen glaubt.

Zöllner weist Forderung nach mehr Geld zurück
Gemeinsam mit den Kolleginnen hat Sylvia Ehrenberg in der Kita die Worte des Senators im Inforadio genau verfolgt.
Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte Verständnis geäußert, die Forderungen nach mehr Geld aber nochmals zurückgewiesen. „Berlin sind die Kinder mehr wert als anderen“, sagte er. Auch er sei mit der Ausstattung nicht zufrieden, wegen des klammen Haushalts sei vorerst aber nicht mehr drin als die Beitragsfreiheit. Der Senat hatte kürzlich beschlossen, nach dem beitragsfreien letzten Kita-Jahr vor Schulbeginn nun schrittweise auch das vor- und vorvorletzte für Eltern beitragsfrei zu stellen. Die Kosten dafür belaufen sich auf etwa 50 Millionen Euro.

Dieses Geld entlaste zwar die Portemonnaies der Eltern, aber es komme den Kindern nicht zu Gute, betonte Barbara John, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in ihrer Rede auf der Kundgebung. „Wer nur auf Kostenfreiheit wert legt aber die Qualität vernachlässigt, schadet der Bildungseinrichtung Kita mehr als dass er ihr nutzt“, sagt sie. Auch die Eltern zeigten sich auf der Kundgebung eher wütend als dankbar. Geladen von Emotionen war die Rede des Vorsitzenden des Landeselternausschusses Burkhard Entrup. „Die Eltern fühlen sich verschaukelt und die Kinder werden vom Senat verraten“, sagte Entrup unter großem Beifall. Das Bildungsprogramm verkomme zur reinen Inszenierung ohne zusätzliches Personal. Die Eltern setzen alle Hoffnung auf das Urteil des Landesverfassungsgerichtshofes. Der soll am 6. Oktober entscheiden die Ablehnung des Volksbegehrens für mehr Qualität in den Kitas durch den Senat rechtmäßig war. Der 6. Oktober werde ein historisches Datum für die Berliner Kitas, sagte Entrup.

Sylvia Ehrenberg kann die geladene Stimmung der Eltern gut nachvollziehen. „Schließlich verbringen wir Erzieher oft die prägendste Zeit mit den Kindern, wenn die Eltern voll berufstätig sind“, sagt sie. Wenn die Eltern am Abend ihre Kinder aus der Kita abholen würden sie oft neugierig fragen, was ihre Kinder so gemacht haben. Doch mehr als zwei Sätze zwischen Tür und Angel nicht drin. Bei dringenden Problemen müssten sie warten bis die letzten Kinder gegangen sind.

Florentine Anders
Berliner Morgenpost, 23.9.09