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ver.di: Hilferufe der Kitas kommen an

Zwölf Brandbriefe mit 300 Unterschriften / Über 500 Erzieherinnen im Rathaus Schöneberg

»Endlich kommen die Hilferufe der Kolleginnen und Kollegen aus den Kindertagesstätten an«, sagte gestern Heidrun Westkemper von ver.di. Die Dienstleistungsgewerkschaft begrüßte die gemeinsamen Aktionen der Berliner Kitaträger und forderte politische Entscheidungen zur Verbesserung der Situation in den Kindertagesstätten.

Nach den Schulen hatten am Mittwoch auch die Kitas Alarm geschlagen. In Brandbriefen an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) und einer Expertenrunde im Rathaus Schöneberg machten sie auf die schlechte Situation an den Kindertagesstätten aufmerksam. Etwa 300 Mitarbeiter setzten ihre Unterschrift unter die zwölf Brandbriefe, mehr als 500 kamen zu der vom Kitabündnis initiierten Podiumsdiskussion.

»Die Decke ist zu kurz«, fasste Erziehungswissenschaftlerin Susanne Viernickel von der Alice-Salomon-Fachhochschule die Lage der Berliner Kitas zusammen. Auch eine vom Kitabündnis in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Anforderungen des Berliner Bildungsprogramms von 2004 bei der derzeitigen Personallage nicht erfüllen lassen.

Im Bildungsprogramm hatte der Senat die umfassende Vorbereitung von Kitakindern auf die Schule zu einem vordringlichen Anliegen erklärt, in Folgevereinbarungen wurde festgelegt, wie das genau zu geschehen habe. Seither müssen Erzieherinnen neben der direkten Arbeit mit dem Kind zusätzliche Aufgaben erfüllen: Sie sollen die Kinder systematisch beobachten, ihr Verhalten dokumentieren und evaluieren, die Sprachentwicklung in »Sprachlerntagebüchern« erfassen, verstärkt mit Eltern kooperieren und Projekte zur ganzheitlichen Förderung der Kinder anbieten. Der Senat möchte laut Programmbroschüre, dass schließlich lauter gesunde, intelligente, aktive, kommunikative und musische ABC-Schützen ins Schulleben entlassen werden.

Die Ansprüche sind hoch, doch die Realität zeichnet ein anderes Bild. Die Kita-Mitarbeiterinnen sind überlastet, es fehlt an Zeit, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Die vom Bildungsprogramm geforderten »mittelbaren pädagogischen Aufgaben« gehen auf Kosten der direkten Arbeit mit den Kindern, in Überstunden wird versucht, das Pensum doch noch zu erfüllen. »Das Personal steht kurz davor, auszubrennen«, heißt es in einem der Briefe. Und das bei schlechter Bezahlung: »Die meisten von uns kennen seit dem Jahr 2000 keinerlei Gehaltserhöhung.«

Das Kitabündnis fordert deshalb »mehr Zeit für Bildung« in Form von mehr Personal – trotz gestiegenen Aufwandes ist der Erzieherinnenschlüssel seit 30 Jahren unverändert. Allein für Beobachtung und Dokumentation benötige man pro Kind jährlich etwa zehn Erzieherinnenstunden mehr, errechnete die am Mittwoch vorgestellte Studie anhand einer Modellkita.

Es muss also mehr Personal her, um die Lage der Kitas zu verbessern und das Bildungsprogramm ernst zu nehmen. Doch der Politik ist das zu teuer. Ein Volksbegehren im letzten Jahr, das zur Verbesserung der Bedingungen in den Tagesstätten ebenfalls zusätzliches Personal forderte, wurde im August 2008 vom Senat gekippt. Die finanzielle Größenordnung verletzte das Budgetrecht

Bildungssenator Zöllner setzte auch am Mittwoch andere Prioritäten und schickte der Veranstaltung im Rathaus Schöneberg eine Absage aufgrund »verdichteten Terminkalenders«. In seiner Stellungnahme wies er auf die gute Versorgung Berlins mit Tagesstätten hin, versprach aber auch: »Ich werde mich in den Haushaltsberatungen mit allem Nachdruck für eine weitere Stärkung der Berliner Kitas einsetzen«. Für die Kitas heißt das: Bis zum neuen Haushalt 2010/11 ändert sich erst mal nichts.

Jana Findeisen
Neues Deutschland, 27.2.09