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Viel gerechnet und wenig erreicht

SPD erkennt, dass Kitas mehr Geld und Erzieher brauchen

In der SPD wächst die Erkenntnis, dass die Personalausstattung in den Kitas nicht ausreicht. "Mittelfristig müssen wir zur einer Verbesserung kommen", sagte Swen Schulz, Berliner Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der SPD Spandau. Es müsse wieder mehr in Personal investiert werden. Er kritisiert vor allem das neue monatliche Abrechnungssystem, das in den Kitas zu ständig wechselnden Erzieherausstattungen führt. Das gefährde die Planungssicherheit, sowohl betriebswirtschaftlich wie auch bei der pädagogischen Arbeit.
Mit der Einführung der sogenannten Kita-Gutscheine Anfang 2006 wurde auch das Abrechnungssystem mit den Kita-Trägern umgestellt. Statt jährlich mit einem gewissen Finanzpuffer abzurechnen, wie viele Plätze angeboten wurden, wird seither jeden Monat genau kalkuliert, wie viele Kinder in der Kita sind. Entscheidend für die Ausstattung mit Erziehern ist dabei das Alter der Kinder - je älter, desto weniger Erzieherzeit wird finanziert - und welche Betreuungszeit die Eltern genehmigt bekommen haben. Diese Zeit kann von den Eltern auch kurzfristig gekürzt werden.
Das System hat für die Träger zwar den Vorteil, dass sie ihr Geld schneller erhalten. Der Nachteil: Die Erzieherstunden schwanken von Monat zu Monat. Besonders prekär wird die Lage im Sommer, wenn die angehenden Schulkinder die Kita schon verlassen, die neuen Kita-Kinder aber noch nicht angemeldet sind. Die Träger sind mittlerweile dazu übergangen, mit Teilzeitverträgen zu arbeiten, die je nach Bedarf aufgestockt und wieder gesenkt werden können. Das stellt die Leitungen vor große Probleme und sorgt wegen der Schwankungen bei den Eltern für Ärger.
Das ist der Arbeit mit den Kindern nicht zuträglich und kein vernünftiger Umgang mit den Erziehern, sagt der Bundestagsabgeordnete Schulz. In das System müsse wieder ein Finanzpuffer eingebaut werden, verlangt wer. Außerdem hält Schulz die Berechnung der Erzieherzeit nach dem Alter der Kinder für überholt. Kleinkinder benötigten viel Aufmerksamkeit, "aber ein Vorschulkind benötigt auf Grund des ausgeweiteten Bildungsauftrages der Kitas ebenso Aufmerksamkeit", sagt Schulz. Die Differenzierungen führten zu einem unnötigen bürokratischen Aufwand. Er fordert eine einheitliche Berechnungsgrundlage, die unter dem Strich nach seinen Worten mehr Personal bedeutet.
Sollte der Bund bereit sein, beim Ausbau der Krippenplätze für die unter dreijährigen Kinder nicht nur die Investitionen, sondern auch die Betriebskosten mitzufinanzieren, dürfte der Berliner Senat die Entlastung nicht kassieren, sagt Schulz. "Diese zusätzlichen Mittel dürften nicht für die Haushaltskonsolidierung verwendet werden."
An dem Punkt erhält Schulz Unterstützung von Karlheinz Nolte, Jugend- und Finanzexperte in der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Sollte der Bund die Länder bei den Krippenkosten entlasten, müsse das Geld dem Kita-System insgesamt zugute kommen, sagte er. Die Forderung von Schulz, die Kürzungen bei den Kita-Leitungen wieder zurückzunehmen, sieht Nolte zwiespältig. Als Jugendpolitiker sehe er ein, dass man wieder etwas zugeben müsse. Als Finanzpolitiker müsse er aber sagen, dafür gebe es keine Chance.
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Heuern und feuern
In den Kitas in Berlin werden rund 110 000 Kinder betreut. Zwei Drittel der Kita-Plätze werden in Einrichtungen freier Träger, ein Drittel in städtischen Kitas angeboten.
Die Finanzierung eines Kita-Platzes ist für alle gleich. Das Land steuert in diesem Jahr 79,5 Prozent der Kosten bei. Der Anteil erhöht sich im nächsten Jahr auf 80 Prozent. Rund 13 Prozent sind Elternbeiträge, den Rest müssen die Träger selbst aufbringen.
An den Grundlagen der Finanzierung hat sich seit Jahren wenig verändert. Je älter die Kinder sind, desto weniger Erzieherstunden gibt es. Bei unter Zweijährigen kommen sechs, bei Zweijährigen sieben und bei den Dreijährigen zehn Kinder auf eine Erziehung.
Neu eingeführt wurde 2006 allerdings der Abrechnungsmodus für die Betreuungszeiten. Er erfolgt nun monatlich. Jede Änderung schlägt sofort zu Buche.
Mit den Zuschüssen schwanken die Personalstunden. Das macht sich vor allem im Sommer bemerkbar, wenn Kinder aus der Kita ausgeschieden sind und neue erst nach den Ferien kommen.
Zum Quartalsstichtag am 1. Juli hat der Kita-Eigenbetrieb Nordost daher 16 Erzieherinnen in den Stellenpool abgegeben. Um eine kurzfristige Personallücke zu schließen, wurden zehn Erzieherinnen einer Zeitarbeitsfirma angeheuert.

Tobias Miller
Berliner Zeitung, 27.7.2007